Ratgeber und Ressourcen zur Mediatorenausbildung

Was "nicht gschimpft isch globt gnug" über Anerkennung am Arbeitsplatz verrät

Geschrieben von CONSENSUS Campus | Jun 19, 2026 5:00:00 AM

Wer in Stuttgart aufgewachsen ist, hat sie vermutlich schon von den Großeltern gehört: "Nicht geschimpft ist gelobt genug." Die Redensart gilt als typisch schwäbisch, auch wenn sie im badischen Landesteil ebenso geläufig ist, und beschreibt eine Haltung, die weit über die Kindererziehung hinausreicht, in der sie ursprünglich verwendet wurde.Die Botschaft dahinter ist einfach: Wenn niemand etwas beanstandet, kann man davon ausgehen, dass man etwas richtig gemacht hat. Ein ausdrückliches Lob gilt dagegen fast als überflüssig, manchmal sogar als unangebracht.

Diese Haltung prägt bis heute den Arbeitsalltag in vielen Stuttgarter Unternehmen, oft ohne dass sich jemand dessen bewusst ist. Für die Zusammenarbeit in Stuttgarter Teams hat das weitreichendere Folgen, als es die charmante Redensart zunächst vermuten lässt.

Schweigen wird schnell als Zustimmung missverstanden

In vielen Stuttgarter Unternehmen entsteht in einer Kultur, in der Ausbleiben von Kritik bereits als Anerkennung gilt, ein stilles Missverständnis. Führungskräfte glauben, ausreichend Wertschätzung zu zeigen, indem sie gute Arbeit einfach nicht kommentieren. Mitarbeitende hingegen deuten dasselbe Schweigen oft anders: als Gleichgültigkeit, als fehlende Aufmerksamkeit, manchmal sogar als Zeichen, dass ihre Arbeit nicht wahrgenommen wird.

Beide Seiten handeln dabei in bester Absicht. Die Führungskraft folgt einer kulturell tief verankerten Zurückhaltung. Die Mitarbeitenden interpretieren das Schweigen jedoch nach ihren eigenen Maßstäben, die von dieser regionalen Prägung nicht zwingend geteilt werden, besonders wenn Teams zunehmend aus unterschiedlichen Regionen und Ländern zusammenkommen.

Genau in dieser Lücke zwischen gut gemeinter Zurückhaltung und tatsächlich empfundener Wertschätzung entstehen viele stille, lange unbemerkte Konflikte.

Warum ausbleibende Kritik keine ausreichende Rückmeldung ist

Ein Prinzip, das für Kinder in einer überschaubaren Familienstruktur funktionieren mag, stößt in komplexeren Arbeitsumgebungen an klare Grenzen. Mitarbeitende, die regelmäßig Projekte leiten, Entscheidungen treffen oder sich fachlich weiterentwickeln möchten, brauchen mehr als die Abwesenheit von Beanstandung. Sie brauchen konkrete Rückmeldung darüber, was gut funktioniert, um es gezielt weiter auszubauen.

Ohne dieses Feedback bleibt vieles dem Zufall überlassen. Mitarbeitende wissen zwar, dass nichts offensichtlich falsch gelaufen ist, aber nicht, worauf es bei ihrer Arbeit besonders ankommt. Das erschwert es, gezielt besser zu werden, und es erschwert Führungskräften, Potenziale in ihrem Team frühzeitig zu erkennen und zu fördern.

Zurückhaltung ist nicht gleich Ehrlichkeit

Ein verbreitetes Missverständnis besteht darin, die schwäbische Zurückhaltung mit besonderer Ehrlichkeit gleichzusetzen: Man sagt nur etwas, wenn es wirklich nötig ist, und das sei doch aufrichtiger als übertriebenes Lob.

Tatsächlich verwechselt diese Sichtweise Sparsamkeit mit Aufrichtigkeit. Ehrliches, konkretes Lob ist nicht weniger wahrhaftig als Zurückhaltung, es erfordert lediglich mehr Aufmerksamkeit und den Mut, Anerkennung auch tatsächlich auszusprechen, statt sie stillschweigend vorauszusetzen.

Wer aus Zurückhaltung nie explizit lobt, versäumt nicht nur eine nette Geste. Er versäumt eine der wirksamsten Führungsaufgaben überhaupt: Menschen erkennen zu lassen, was an ihrer Arbeit tatsächlich wertvoll ist.

Was sich ändert, wenn Anerkennung ausgesprochen wird

Teams, die lernen, Anerkennung aktiv und konkret auszusprechen, berichten regelmäßig von spürbaren Veränderungen. Mitarbeitende wissen genauer, woran sie sind. Unsicherheiten darüber, ob die eigene Arbeit überhaupt wahrgenommen wird, nehmen ab. Und paradoxerweise wird auch Kritik leichter angenommen, wenn sie nicht die einzige Form der Rückmeldung ist, die jemand jemals hört.

Das bedeutet nicht, die eigene Art zu verändern oder plötzlich übertrieben zu loben. Es bedeutet, bewusster zu machen, was ohnehin gedacht wird. Ein knapper, konkreter Satz reicht oft aus: "Das haben Sie gut gelöst" wirkt in einer Kultur, in der Schweigen die Norm ist, oft stärker, als es in anderen Umfeldern der Fall wäre.

Mediation als Übung in ausgesprochener Wertschätzung

Auch in der Mediation zeigt sich immer wieder, wie viel unausgesprochene Wertschätzung in Konflikten verloren geht. Menschen, die sich über Jahre nicht ausreichend gesehen fühlten, tragen diese Enttäuschung oft in Konflikte hinein, die auf den ersten Blick mit Anerkennung wenig zu tun haben.

Ein zentraler Bestandteil vieler Mediationsgespräche besteht deshalb darin, genau diese unausgesprochene Wertschätzung wieder sichtbar zu machen, zwischen Kolleginnen und Kollegen ebenso wie zwischen Führungskräften und ihren Teams.

Fazit

"Nicht geschimpft ist gelobt genug" ist eine liebenswerte, in Stuttgart und der ganzen Region verbreitete Redensart mit langer Tradition. Im Arbeitsalltag moderner Teams stößt sie jedoch an ihre Grenzen, besonders dort, wo Mitarbeitende ausdrückliche Rückmeldung brauchen, um sich weiterzuentwickeln und sich als Teil des Teams wertgeschätzt zu fühlen.

Wer diese kulturelle Prägung kennt, kann bewusst gegensteuern, ohne die eigene Zurückhaltung komplett aufzugeben. Ein wenig mehr ausgesprochene Anerkennung verändert oft mehr, als die knappe Regel selbst vermuten lässt.

Anerkennungskompetenz in Stuttgart weiterentwickeln

Die schwäbische Zurückhaltung beim Lob ist Teil der regionalen Identität und stellt Führungskräfte zugleich vor die Aufgabe, Wertschätzung bewusster auszusprechen, statt sie nur vorauszusetzen.

Am Standort Stuttgart, wo 2014 die CONSENSUS Group gegründet wurde, bietet CONSENSUS Campus Aus- und Weiterbildungen in Mediation und Konfliktmanagement an, die praxisnah vermitteln, wie Anerkennung und konstruktives Feedback im Arbeitsalltag Platz finden, für Unternehmen ebenso wie für Stuttgarterinnen und Stuttgarter, die diese Kompetenzen für sich selbst entwickeln möchten.

Zur Mediationsausbildung in Stuttgart →

Häufig gestellte Fragen

Woher stammt die Redensart "nicht geschimpft ist gelobt genug"?add

Die Redensart gilt als typisch schwäbisch, ist im badischen Landesteil aber ebenso gebräuchlich. Sie stammt ursprünglich aus dem Bereich der Kindererziehung und beschreibt eine Haltung, bei der ausbleibende Kritik bereits als Anerkennung gilt.

Warum reicht ausbleibende Kritik am Arbeitsplatz oft nicht als Feedback aus?add

Mitarbeitende benötigen konkrete Rückmeldung, um zu verstehen, was an ihrer Arbeit besonders gut funktioniert, und um sich gezielt weiterzuentwickeln. Reine Abwesenheit von Kritik lässt offen, worauf es tatsächlich ankommt.

Wie hängt ausgesprochene Anerkennung mit Konfliktvermeidung zusammen?add

Unausgesprochene Wertschätzung führt häufig zu schleichender Unzufriedenheit, die sich erst in scheinbar unabhängigen Konflikten zeigt. Regelmäßige, konkrete Anerkennung kann solche stillen Spannungen frühzeitig auflösen, bevor sie sich verfestigen.