von Dr. Imke Wulfmeyer, Mediatorin (BAFM/BM), Rechtsanwältin für Cooperative Praxis, systemische Paartherapeutin und Ausbilderin im Rahmen des CONSENSUS Campus-Vertiefungskurses Familienmediation

Familienmediation wird bisher überwiegend von Trennungs- und Scheidungspaaren in Anspruch genommen. Ein neuer Trend ist dagegen die Krisen- oder Ambivalenzmediation. Wenn unklar ist, ob und wie es mit der Beziehung weitergehen soll, können parallel für den Fall der Trennung und für den Fall eines Neuanfangs als Paar in einer Mediation neue Spielregeln erarbeitet werden, wie sowohl das eine als auch das andere Szenario aussehen könnte. Wenn sich dann im Laufe des Mediationsprozesses abzeichnet, in welche Richtung die Reise geht, erleben beide Partner das als einen gemeinsam gestalteten Prozess, für den sie Mitverantwortung übernehmen können. Damit können sie von einer ganz anderen Ausgangslage starten, als wenn die eine Seite mit dem Trennungsentschluss der anderen Seite fertigwerden muss. Da sich die Familiemediation hier in einem sensiblen Grenzbereich zur Paartherapie bewegt, verlangt die Ambivalenzmediation spezielle Kompetenzen, die über eine Basisausbildung zum zertifizierten Mediator (m/w/d) hinausgehen. Diese Kompetenzen können im Vertiefungskurs Familienmediation erworben werden.

Familienmediation legt Konflikte offen

„Warum sitzen wir erst heute hier?“, fragt die 46-jährige Silke S. ihren Mann Markus in unserer ersten Mediationssitzung. „Erst, nachdem du dich entschieden hast, zu gehen, stellst du mich vor vollendete Tatsachen!“ – „Ich glaube, ich kam selbst nicht damit klar, dass ich nicht wusste, was ich eigentlich wollte“, antwortet er zögernd. „Unsere Ehe war ja nicht unglücklich – eher wie eine ganz nette WG. Aber nachdem unsere Tochter ausgezogen war, wurde bei mir das Gefühl stärker und stärker, dass mir doch etwas fehlt.

Familienmediation

Vollendete Tatsachen: Familienmediation zeigt Auswege

Es war ein langsamer Prozess, verstehst du? Und als ich dann diese Frau kennenlernte, war es erst nur ein Spiel mit dem Feuer, bis mir auf einmal klar wurde, dass ich mich verliebt hatte und mir eine Zukunft mit ihr wünschte.“ – „Ich hätte mir gewünscht, mitgenommen zu werden in deinem Prozess“, erwidert seine Frau enttäuscht. „Dann wäre es viel einfacher gewesen, freundschaftlich auseinanderzugehen. Jetzt fühle ich mich auf das Übelste hintergangen – nicht, weil du dich neu verliebt hast, sondern weil du mich viel zu lange in Sicherheit gewiegt und deine Ambivalenz mit dir selber ausgemacht hast. Das verletzt mich am meisten!“

Ambivalenzmediation klärt Interessen

Dass Ambivalenz mit nahezu allen Veränderungsprozessen und Lebensübergängen einhergeht, dürfte allgemein bekannt sein. Wenn aber der Fortbestand einer langjährigen Ehe mit inzwischen erwachsenen Kindern in Frage gestellt wird, ist sie für die Familienmediation eine enorme Herausforderung. Hier geht es schließlich nicht nur um die Wahl zwischen zwei oder mehr Optionen auf der Sachebene, sondern um lebensprägende Werte. Eine Unsicherheit in der eigenen Haltung zur ehelichen Treue und Verbundenheit einzuräumen ist mit erheblichen Ängsten sowie mit Gefühlen von Schuld und Scham verknüpft. Wer offen dem Partner gegenüber seine Zweifel an der Ehe ausspricht, geht sehenden Auges das Risiko ein, sich damit schon die Option „Alles bleibt, wie es war“ abzuschneiden: Ist der Partner bzw. die Partnerin selbst ambivalent, könnte diese Eröffnung den Ausschlag für ihn oder sie geben, dem/der Zaudernden die Entscheidung abzunehmen und sich zur Trennung zu entschließen. Hat der Partner bzw. die Partnerin dagegen die Beziehung bisher nicht in Frage gestellt, könnte diese Offenheit ihn oder sie so sehr verletzen, dass dadurch eine massive Krise ausgelöst wird, nach der es kein Zurück in die ruhig vor sich hinplätschernde Ehe-WG mehr gibt. Hinzu kommt, dass eine Trennung in dieser Lebensphase auch erhebliche finanzielle Konsequenzen für den nächsten Lebensabschnitt hätte. Außerdem würden die gerade flügge werdenden Kinder den trennungswilligen Elternteil womöglich moralisch scharf verurteilen, vor allem, wenn während oder kurz nach der Trennungsphase von einer neuen Beziehung die Rede ist.

Familienmediator*in

Was würde geschehen wenn? Familienmediator*innen analysieren Konflikte und deren Folgen

Familienmediator*innen können Paaren in dieser Situation natürlich nicht die Entscheidung abnehmen, ob sie die Beziehung zueinander mit ungewissem Ausgang neu gestalten wollen oder ob sie die Ambivalenz ausblenden und entweder die unvermittelte Trennung oder die lebenslange WG wählen. Sie können ihnen aber einen Weg aufzeigen, in einem geschützten Raum den Stier bei den Hörnern zu packen. Wenn einer oder beide unsicher sind, ob sie sich trennen oder es noch einmal miteinander versuchen sollen, bietet sich eine Sonderform der Familienmediation an, nämlich die Ambivalenzmediation: Beide Szenarien werden durchgespielt und von allen Seiten neu beleuchtet. Durch die empathische mediative Gesprächsführung gewinnen beide Partner*innen sowohl Klarheit über ihre eigenen Interessen und Bedürfnisse als auch Verständnis für die des jeweils anderen. Gemeinsame Träume und Visionen werden ebenso deutlich wie Trennendes und Unterschiedlichkeit. Durch Methoden wie systemische Fragetechniken oder Reframing können bisherige Sichtweisen ausdifferenziert und neue Wege spielerisch erkundet werden. Durch ressourcenorientierte Interventionen wird erarbeitet, welche Erfahrungen aus der Vergangenheit als Ballast abgeworfen werden sollen und welche einen kostbaren Schatz darstellen könnten, den es zu heben gilt.

Am Ende können parallel für den Fall einer friedlichen, familienverträglichen Scheidung einerseits und für den Neuanfang als Paar andererseits klare, für beide Seiten akzeptable Regeln vereinbart werden. Allein die Sicherheit, dass eine Trennung weder das Ende der Welt noch den finanziellen Ruin oder den jahrelangen Rosenkrieg bedeutet würde, bereitet oft schon den Boden für ein entspanntes Aushandeln neuer Spielregeln für eine Zukunft als Paar.

Rolle des Familienmediators in der Ambivalenzmediation

Familienmediator*innen können hier besonders dadurch unterstützend wirken, dass sie nicht nur das Handwerkszeug der Kommunikationstechniken einbringen, sondern vor allem die Haltung der Mediation zum Konflikt authentisch widerspiegeln: die Überzeugung, dass ein Konflikt eine wertvolle Entwicklungschance für Beziehungen darstellen kann, wenn er konstruktiv und respektvoll ausgetragen wird. Indem sie Zuversicht vermitteln, dass Menschen generell die Fähigkeit haben, auf diese Weise mit Konflikten umzugehen, können sie dem betroffenen Mediationspaar Mut machen, gemeinsam tief unter den Eisberg des Konfliktes zu tauchen. Anders als viele Paare zunächst vermuten, müssen sie sich nicht zwischen einem destruktiven Scheidungskrieg und dem Verharren in der stillen Resignation entscheiden. Vielmehr haben sie die eigenverantwortliche Wahl zwischen einer fairen, familienverträglichen Trennung und einer lebendigen, authentischen Beziehung. Wie sie sich auch entscheiden: Auf die Mutigen, die sich ihrer eigenen Ambivalenz stellen, wartet eine lohnende Zukunft!

Da sich die Familienmediation hier in einem sensiblen Grenzbereich zur Paartherapie bewegt, verlangt die Ambivalenzmediation spezielle Kompetenzen, die über eine Basisausbildung zum zertifizierten Mediator (m/w/d) hinausgehen. Diese Kompetenzen können im Vertiefungskurs Familienmediation erworben werden. Weitere Informationen über die Aufgabenbereiche eines Mediators finden Sie in unserem Post “Ausbildung zum Mediator, was können Sie erwarten?”