Am 18. Februar 1975 begannen im Wyhler Wald nahe Freiburg die Bauarbeiten für ein Kernkraftwerk. Einen Tag später war das Gelände besetzt. Am 23. Februar 1975 versammelten sich rund 28.000 Menschen zu einer Kundgebung, anschließend übernahm die Bevölkerung den Bauplatz.Bis in den November hinein blieb er besetzt.
Was die Proteste in Wyhl bis heute bemerkenswert macht, ist nicht allein ihr Erfolg. Das Kraftwerk wurde nie gebaut. Bemerkenswert ist vor allem, wer sich damals zusammenschloss.
Winzerinnen und Winzer aus dem Kaiserstuhl sorgten sich um ihre wirtschaftliche Existenz. Studierende der Universität Freiburg brachten wissenschaftliche Argumente und politisches Engagement ein. Landwirte, kirchliche Gruppen und eine junge Umweltbewegung, die zu diesem Zeitpunkt kaum organisiert war, fanden sich in derselben Sache wieder. Ihre Beweggründe unterschieden sich erheblich. Ihr Ziel war dasselbe.
In Unternehmen und Organisationen, weit über die Region Freiburg hinaus, entstehen ähnliche Konstellationen häufiger, als es zunächst scheint.
Ein Projekt bringt Menschen aus Entwicklung, Vertrieb, Finanzabteilung und Betriebsrat an einen Tisch. Jede dieser Gruppen verfolgt eigene, oft sehr unterschiedliche Interessen. Trotzdem sollen sie gemeinsam eine Lösung tragen.
Die Versuchung liegt nahe, diese Unterschiede zu glätten und nach außen Einigkeit zu behaupten, wo eigentlich unterschiedliche Beweggründe nebeneinander bestehen.
Wyhl zeigt eine andere Möglichkeit. Der Protest verlangte von niemandem, seine eigentlichen Beweggründe aufzugeben. Er schuf stattdessen einen Raum, in dem wirtschaftliche Sorgen, wissenschaftliche Bedenken und ökologisches Engagement gleichzeitig Platz hatten, ohne dass eine Perspektive die andere ausstechen musste.
Eine der wichtigsten Lehren aus Wyhl lässt sich so zusammenfassen: Menschen müssen nicht aus denselben Gründen an einem Strang ziehen, um gemeinsam etwas zu erreichen.
Das widerspricht einer verbreiteten Annahme in Unternehmen, wonach Zusammenarbeit erst dann funktioniert, wenn alle Beteiligten dieselbe Sichtweise teilen. Tatsächlich verlangsamen genau solche Versuche, künstliche Einigkeit herzustellen, viele Projekte.
Wirksamer ist es häufig, unterschiedliche Beweggründe offen zu benennen und trotzdem eine gemeinsame Vorgehensweise zu vereinbaren. Das Controlling muss ein Projekt nicht aus denselben Gründen unterstützen wie die Entwicklungsabteilung. Beide können jedoch zur selben Entscheidung kommen, wenn ihre jeweiligen Interessen ernst genommen werden.
Der Konflikt um Wyhl endete nicht mit einem eindeutigen Gewinner. Nach monatelanger Besetzung kam es zu Gesprächen zwischen Landesregierung und Bürgerinitiativen, den sogenannten Offenburger Gesprächen. Am Ende stand eine Vereinbarung: ein vorläufiger Baustopp, weitere Gutachten, die Einstellung der Verfahren gegen die Protestierenden. Im Gegenzug verließen die Bürgerinitiativen den besetzten Platz und verzichteten künftig auf Besetzungen.
Diese Einigung war kein vollständiger Triumph für irgendeine Seite. Sie war ein tragfähiger Kompromiss, der es allen Beteiligten ermöglichte, das Verfahren fortzusetzen, ohne weiter zu eskalieren.
Genau darin liegt ein Prinzip, das auch für Verhandlungen in Unternehmen gilt. Eine gute Einigung muss nicht bedeuten, dass eine Seite vollständig gewinnt und die andere vollständig nachgibt. Oft ist sie tragfähiger, wenn beide Seiten etwas erreichen, mit dem sie weiterarbeiten können.
Häufig wird angenommen, dass eine Gruppe umso schwächer verhandelt, je heterogener sie zusammengesetzt ist. Wyhl zeigt das Gegenteil.
Die Breite der Beteiligten, von konservativen Landwirten bis zu jungen Umweltaktivistinnen und Umweltaktivisten, machte den Protest schwerer angreifbar. Er ließ sich nicht auf eine einzelne politische Randgruppe reduzieren, weil er tatsächlich aus der Mitte der Region kam.
Für Unternehmen bedeutet das: Eine Verhandlungsposition, die von unterschiedlichen Abteilungen, Ebenen oder Interessengruppen getragen wird, wiegt oft schwerer als eine, die nur von einer einzelnen Gruppe vertreten wird, selbst wenn diese lauter auftritt.
Was in Wyhl über Monate informell gelang, lässt sich mit den Methoden der Mediation heute gezielter gestalten.
Mediation setzt genau an diesem Punkt an: unterschiedliche Interessen sichtbar zu machen, ohne sie gegeneinander auszuspielen. Sie übersetzt zwischen der Sprache des Controllings und der Sprache der Entwicklung, zwischen wirtschaftlichen und persönlichen Anliegen, zwischen kurzfristigen und langfristigen Zielen.
Diese Übersetzungsarbeit ist selten spektakulär. Sie besteht aus genauem Zuhören, gezielten Fragen und der Bereitschaft, eine Lösung zu suchen, die mehr ist als der kleinste gemeinsame Nenner.
Der Wyhler Wald ist heute Naturschutzgebiet. Das Kraftwerk wurde nie gebaut, das Projekt 1994 endgültig aufgegeben. Die Proteste gelten als eine der Geburtsstunden der deutschen Umweltbewegung und beeinflussten spätere Auseinandersetzungen an anderen Standorten.
Für die Region um Freiburg blieb mehr als ein politisches Ergebnis. Es blieb die Erfahrung, dass unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Beweggründen gemeinsam etwas bewirken können, wenn sie einen Weg finden, ihre jeweiligen Interessen zu verbinden, statt sie gegeneinander auszuspielen.
Der Widerstand gegen das Kernkraftwerk Wyhl in der Nähe von Freiburg war ein politisches Ereignis mit weitreichenden Folgen. Er lässt sich nicht eins zu eins auf Verhandlungen in Unternehmen übertragen.
Dennoch liegt in ihm eine Erkenntnis, die weit über die Geschichte hinausreicht: Gemeinsames Handeln setzt keine gemeinsame Begründung voraus. Es setzt die Bereitschaft voraus, unterschiedliche Interessen anzuerkennen und trotzdem eine gemeinsame Lösung zu suchen.
Organisationen, die diesen Gedanken in ihre Verhandlungen und Entscheidungsprozesse aufnehmen, gewinnen mehr als kurzfristige Kompromisse. Sie schaffen Vereinbarungen, die tatsächlich tragen.
Verhandlungskompetenz in Freiburg weiterentwickeln
Freiburg und seine Umgebung stehen für die Erfahrung, dass unterschiedliche Interessen gemeinsam zu einer tragfähigen Lösung finden können. Diese Erfahrung lässt sich auf Verhandlungen in Unternehmen übertragen, in denen Abteilungen, Führungsebenen oder externe Partner unterschiedliche Ziele verfolgen.
Am Standort Freiburg bietet CONSENSUS Campus Aus- und Weiterbildungen in Mediation und Konfliktmanagement an. Sie richten sich sowohl an Unternehmen, die ihre Verhandlungs- und Konfliktkompetenz stärken möchten, als auch an Privatpersonen, die eine Mediationsausbildung für den eigenen beruflichen Weg absolvieren wollen.
Zwischen 1975 und 1977 verhinderte eine breite Bürgerbewegung den Bau eines geplanten Kernkraftwerks im Wyhler Wald bei Freiburg. Der Protest gilt heute als eine der Geburtsstunden der deutschen Umwelt- und Anti-Atomkraft-Bewegung.
Unterschiedliche Beweggründe bedeuten nicht automatisch eine schwächere Position. Werden sie offen benannt und ernst genommen, kann eine breit getragene Haltung entstehen, die schwerer zu übergehen ist als die Position einer einzelnen, homogenen Gruppe.
Mediation hilft dabei, unterschiedliche Interessen sichtbar zu machen und zu übersetzen, statt sie gegeneinander auszuspielen. So entstehen Vereinbarungen, die von allen Beteiligten tatsächlich mitgetragen werden können.