Ratgeber und Ressourcen zur Mediatorenausbildung

Was Joseph Beuys über die Beiträge aller Teammitglieder lehrt

Geschrieben von CONSENSUS Campus | Jun 27, 2026 4:00:00 AM

Von 1961 bis 1972 unterrichtete der Künstler Joseph Beuys an der Kunstakademie Düsseldorf, einer der renommiertesten Kunsthochschulen Deutschlands. Sein bekanntester Satz, "Jeder Mensch ist ein Künstler", wird bis heute zitiert, häufig missverstanden als Behauptung, jeder könne gut malen oder bildhauern.Gemeint war etwas anderes. Beuys sprach von kreativem Potenzial im weiteren Sinne, der Fähigkeit jedes Menschen, Gesellschaft, Wirtschaft und das eigene Umfeld aktiv mitzugestalten. Er nannte dieses Konzept die Soziale Plastik: Kreativität nicht als Talent Einzelner, sondern als Ressource, die grundsätzlich allen zugänglich ist, wenn man ihr Raum gibt.

1972 wurde Beuys von der Kunstakademie entlassen, weil er hunderte Studierende in seine Klasse aufnahm, die zuvor von der Hochschule abgelehnt worden waren. Er hielt die üblichen Aufnahmekriterien für zu eng und war überzeugt, dass Potenzial sich nicht immer schon am Anfang zeigt.

Wer ein Talent nicht sofort zeigt, hat nicht automatisch keines

Diese Episode aus der Düsseldorfer Kunstakademie lässt sich unmittelbar auf Teams in Unternehmen übertragen, weit über die Stadt am Rhein hinaus. Häufig wird der Beitrag einzelner Mitarbeitender vor allem danach bewertet, wie überzeugend sie sich in Meetings präsentieren, wie schnell sie Ideen formulieren oder wie selbstbewusst sie auftreten.

Wer introvertierter ist, länger über eine Idee nachdenkt oder Vorschläge lieber schriftlich statt spontan mündlich einbringt, wird in dieser Bewertung häufig übersehen, nicht weil der Beitrag weniger wertvoll wäre, sondern weil er sich nicht in die erwartete Form fügt.

Beuys' Kritik an starren Aufnahmekriterien lässt sich als Aufforderung lesen, genauer hinzusehen, bevor man kreatives oder fachliches Potenzial vorschnell abschreibt, nur weil es sich nicht in der gewohnten Weise zeigt.

Kreativität ist keine Frage der Position

Ein zentraler Gedanke der Sozialen Plastik lautet, dass kreatives, gestaltendes Denken nicht an eine bestimmte Rolle oder Qualifikation gebunden ist. Wer in einem Unternehmen nicht in der Entwicklungsabteilung oder im Marketing arbeitet, hat deshalb nicht automatisch weniger zur Gestaltung von Prozessen, Produkten oder Zusammenarbeit beizutragen.

In der Praxis vieler Düsseldorfer Unternehmen, wie andernorts, wird das Gegenteil angenommen. Gute Ideen werden vor allem von Fachabteilungen oder Führungskräften erwartet, während Beiträge aus anderen Bereichen seltener aktiv eingeholt werden. Diese unausgesprochene Hierarchie kreativen Beitrags führt dazu, dass wertvolles Wissen aus der täglichen Praxis oft ungenutzt bleibt.

Wer aktiv Raum dafür schafft, dass Vorschläge unabhängig von Position und Hierarchieebene ernst genommen werden, erschließt damit ein kreatives Potenzial, das in vielen Organisationen brachliegt.

Warum Beteiligung Verantwortung braucht

Beuys forderte nicht nur Beteiligung, sondern auch Verantwortung. Wer die Gesellschaft aktiv mitgestalten wolle, so seine Überzeugung, müsse auch bereit sein, Verantwortung für diese Gestaltung zu übernehmen. Kreativität ohne Verantwortungsübernahme blieb für ihn unvollständig.

Für Unternehmen bedeutet das: Mitarbeitende zur aktiven Mitgestaltung einzuladen, funktioniert nur, wenn diese Einladung ernst gemeint ist. Wer Vorschläge einholt, sie aber grundsätzlich ignoriert, erzeugt auf Dauer mehr Frustration als vollständige Zurückhaltung. Echte Beteiligung bedeutet, eingebrachte Ideen auch tatsächlich zu prüfen und nachvollziehbar zu begründen, wenn sie nicht umgesetzt werden.

Wenn unterschiedliche Vorstellungen von Mitgestaltung aufeinandertreffen

Beuys' Aufnahme abgelehnter Studierender führte zu einem handfesten Konflikt mit der Hochschulleitung, der schließlich vor Gericht landete. Auch dieser Teil der Geschichte ist lehrreich: Der Wunsch nach mehr Beteiligung trifft nicht automatisch auf Zustimmung, selbst wenn er gut begründet ist.

In Unternehmen entstehen ähnliche Spannungen, wenn eine Führungskraft mehr Mitgestaltung einfordert, als bestehende Strukturen vorsehen, oder wenn unterschiedliche Vorstellungen darüber bestehen, wie weit Beteiligung tatsächlich gehen soll. Solche Konflikte lassen sich selten vollständig vermeiden. Entscheidend ist, sie offen auszutragen, statt sie unter der Oberfläche schwelen zu lassen.

Mediation als Raum für übersehene Perspektiven

Auch in der Mediation zeigt sich immer wieder, dass wertvolle Perspektiven zunächst übersehen werden, insbesondere von Personen, die sich in einer Konfliktsituation weniger lautstark äußern.

Ein zentraler Teil mediativer Arbeit besteht deshalb darin, aktiv Raum für Stimmen zu schaffen, die sonst nicht automatisch gehört würden, unabhängig davon, wie durchsetzungsstark jemand auftritt. Das ist demselben Prinzip verpflichtet, das Beuys für die Kunst formulierte: Potenzial und Perspektive sind nicht an Auftreten oder Position gebunden.

Fazit

Joseph Beuys forderte an der Düsseldorfer Kunstakademie, kreatives Potenzial nicht vorschnell nach äußeren Kriterien zu beurteilen. Diese Haltung lässt sich weit über die Kunst hinaus auf die Zusammenarbeit in Unternehmen übertragen.

Wer aktiv Raum für unterschiedliche Beiträge schafft, unabhängig von Position, Auftreten oder Hierarchieebene, erschließt kreatives und fachliches Potenzial, das sonst häufig ungenutzt bleibt. Das erfordert echte Bereitschaft, eingebrachte Ideen ernst zu nehmen, nicht nur die Geste, danach zu fragen.

Beteiligungskompetenz in Düsseldorf weiterentwickeln

Düsseldorf ist als Stadt der Kunstakademie und Wirkungsstätte von Joseph Beuys eng mit der Idee verbunden, dass kreatives Potenzial nicht an Position oder Auftreten gebunden ist. Diese Erkenntnis lässt sich unmittelbar auf Teamkultur und Beteiligung in Unternehmen übertragen.

Am Standort Düsseldorf bietet CONSENSUS Campus Aus- und Weiterbildungen in Mediation und Konfliktmanagement an, die praxisnah vermitteln, wie unterschiedliche Perspektiven im Team sichtbar gemacht und ernst genommen werden können, für Unternehmen ebenso wie für Düsseldorferinnen und Düsseldorfer, die diese Kompetenzen für sich selbst entwickeln möchten.

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Häufig gestellte Fragen

Was meinte Joseph Beuys mit dem Satz "Jeder Mensch ist ein Künstler"?add

Beuys bezog sich nicht auf künstlerisches Talent im engeren Sinn, sondern auf kreatives Potenzial im weiteren Sinne, die Fähigkeit jedes Menschen, Gesellschaft und Umfeld aktiv mitzugestalten. Er nannte dieses Konzept die Soziale Plastik.

Warum werden wertvolle Beiträge in Teams manchmal übersehen?add

Beiträge werden häufig danach bewertet, wie überzeugend oder selbstbewusst sie präsentiert werden, statt nach ihrem eigentlichen Inhalt. Introvertiertere Mitarbeitende oder Personen außerhalb der offensichtlich zuständigen Fachabteilung werden dadurch oft unterschätzt.

Wie hängt die Idee von Beuys mit Mediation zusammen?add

Mediation schafft aktiv Raum für Perspektiven, die in einem Konflikt sonst leicht übersehen werden, unabhängig davon, wie durchsetzungsstark jemand auftritt. Das folgt demselben Prinzip, das Beuys für kreatives Potenzial formulierte: Es ist nicht an Auftreten oder Position gebunden.